09 May 2007 Gernot Gricksch: »Die Bank der kleinen Wunder«

Gernot Gricksch erzählt gern kleine Geschichten aus dem Alltag, die sich in diesem Fall alle um eine hölzerne Parkbank am westlichen Ufer der Aussenalster (für die süddeutschen Leser: Das is' in Hamburch!) ranken. Ein hungerndes Supermodel, ein Grossstadtsingle, der plötzlich Vater eines pubertierenden Sohnes wird, zwei vollkommen unterschiedliche Teenies, die sich ineinander verlieben, und einige andere Geschichten geschehen alle so, dass diese Bank eine entscheidende Rolle dabei spielt.

Was ich immer an den Büchern von Gernot Gricksch (Schönen Gruss ausrichten, Nicole!) mochte, ist, dass in aller Alltäglichkeit immer wieder ein spezieller Humor, der bisweilen sogar an die Grenze zur Bissigkeit geht, aufblitzt – das ist leider in diesem speziellen Buch eher selten der Fall. Daher vermutlich das Allegra-Zitat auf dem Cover.

10 Apr 2007 Irvin D. Yalom: »Die rote Couch«

Therapie und Psychoanalyse, speziell im amerikanischen Alltag, sollten an und für sich großartiges Material für einen Roman sein. Irvin D. Yalom, Psychiatriedozent an der Stanford University, beweist das, wenn auch nicht so komisch, wie man es vielleicht gerne hätte, dafür mit einer gewissen sachlichen Tiefe – heimlich darüber lachen kann man ja immer noch ;-)

Ernest Lash, ein junger Analytiker, befindet sich auf der Suche nach »seiner« Form, Therapien anzubieten. Ernest kämpft dabei gegen die mitunter starren Lehrmeinungen, die im aufoktruiert werden, und versucht, eine individuellere und ehrlichere Form der Therapie anzubieten, obwohl sein Supervisor, Marshal Streider, ihm davon abrät. Als eine junge Frau namens Carol seine Praxis betritt, beschliesst Ernest, sie quasi als »Versuchskaninchen« zu behandeln, wobei er allerdings nicht ahnt, das Carol die ihm bislang unbekannte Exfrau eines Patienten ist, deren Absicht es ist, Rache an ihm zu üben. Währenddessen verstrickt sich Marshal Streider in ein Chaos aus Institutspolitik, Berufethik und Investment …

Ein aufgrund des stellenweise extremen Fachjargons leicht anstrengender, aber stets fesselnder Roman, der es versteht, drei Geschichten geschickt miteinander zu verweben und noch Platz für Nebenhandlungen zu lassen. Schade nur, dass er so unkritisch und wenig humorvoll auf das Thema blickt.

26 Feb 2007 Gernot Gricksch: »Die Herren Hansen erobern die Welt«

Sebastian Hansen ist freiberuflicher Werbetexter, alleinerziehender Papa des zweijährigen Paul und im Großen und Ganzen mit seinem Leben einverstanden, würde dort nicht etwas fehlen – eine Frau. Und wie sowas nun mal meistens läuft – plötzlich poltert nicht nur eine ziemlich tolle solche viel zu schnell in seine Welt, plötzlich werkeln deren drei kräftig daran, diese aus den Angeln zu heben.

Mehr braucht man vom Plot dieses Buches eigentlich nicht preiszugeben – der Plot langt an und für sich maximal für eine mittelklassige Eigenproduktion eines angeschlagenen Privatfernsehsenders, die man am Donnerstagabend anderthalb Stunden im Hintergrund blubbern lassen könnte, wäre da nicht Gernot Grickschs Liebe zum wohlformulierten Wortwitz, welche zumindest mich immer wieder prusten lässt. Nochmals: Der Mann kann schreiben, den sollte man lesen, egal, wie profan die Geschichte sein mag. Die ist in diesem Fall eigentlich ohnehin nur Verpackung.

23 Feb 2007 Selim Özdogan: »Ein Spiel, das die Götter sich leisten«

Frisch verliebt sind Mesut und Oriana mit dem nächstbesten Billigflieger vor dem Alltag in eine wildfremde Gegend geflohen. Rastlos und gierig – »Essen, schlafen, Sex – mehr braucht es nicht.« – irren sie durch die Fremde, auf der Suche nach sich und nach einander, bis Oriana Mesut beim Kartenlegen eine Begegnung mit einem für ihn sehr bedeutsamen Geist aus der Vegangenheit prophezeit. Als Mesut erfährt, dass sein lang verschollener Cousin Oktay in der Gegend gearbeitet haben soll, scheint klar, wohin die Prophezeihung seiner Liebsten deutet …

Wie kann man so viele kleine Geschichten in nur knapp 200 Seiten quetschen? Selim Özdogan präsentiert genau die Mischung, die er beherrscht wie kein Zweiter: Die Schönheit orientalischer Märchen aus 1001 Nacht gepaart mit der krassen, direkten Sprache Bukowskis, dazu ein Hauch Schamanentum und eine Prise Kifferromantik unterlegt mit frischen Hip-Hop-Beats und -Versen.

Zeitlos und modern zugleich, wunderschön obendrein – Lesebefehl.

12 Feb 2007 Gernot Gricksch: »Freilaufende Männer«

Die Einsamkeit Nordschwedens ist das Urlaubsziel dreier Freunde an der Schwelle zur Midlife Crisis. Den biederen Fahrlehrer Jens plagen Eheprobleme, Autor und Hypochonder Thomas, trockener Alkoholiker, wähnt den drohenden Herzinfarkt und TV-Produzent Malte schwankt zwischen Playboy-Dasein und Erwachsenwerden, während seine Produktionsfirma dem Konkurs entgegen schliddert. Ein Männerurlaub – ausspannen, grillen, angeln, Seele baumeln lassen und natürlich saufen – soll den drei Fortysomethings wieder in die Spur helfen, doch natürlich kommt alles anders, weil selbst in der schwedischen Einöde gleich mehrere Frauen dazwischen kommen und das Chaos seinen unaufhaltsamen Lauf nimmt.

Die große Kunst, welche die Romane von Gernot Gricksch immer wieder lesenswert macht, ist es, immer exakt den richtigen Ton und Humor zu treffen, den die Geschichte verlangt, sich jedoch nie nur auf diesen festzulegen. In diesem Falle ist das besonders gut gelungen – »Freilaufende Männer« hat eine eingebaute Weglegsperre.