07 Aug 2007 Annie Proulx: »Postkarten«

Nach einem schrecklichen Verbrechen verlässt Farmersohn Loyal Blood kurz vor Ende des zweiten Weltkrieges überhastet die elterliche Farm in Vermont. Rastlos zieht er durch die USA, verrichtet jede nur denkbare Arbeit, um sich eines Tages den großen Traum von der eigenen Farm erfüllen zu können. Sein einziger Kontakt zur Familie besteht in – ohne Antwortadresse – nach Hause geschickten Postkarten. Das Leben auf der Farm geht natürlich weiter, doch davon bekommt Loyal in all den Jahren seiner Wanderschaft nichts mit. Während sein Vater Mink, seine Mutter Jewell, sein Bruder Dub und seine Schwester Mernelle unterschiedliche Lebenswege beschreiten, verarmt und verwahrlost der ruhelose Wanderer zusehends.

Dieser Roman hat Annie Proulx als bislang einziger Frau überhaupt den PEN/Faulkner Award eingebracht. Ihr Roman ist stets überraschend, trotz der vielen Handlungsstränge erst am Ende ein wenig konfus (da wollte jemand fertig werden, scheint mir) und angenehm direkt, stellenweise schon derb. Es ist definitiv und durchgehend fesselnd, was Annie Proulx aus dem Leben einer einfachen Farmerfamilie in Vermont macht.

24 Jul 2007 Simon Huttenbach/Ronnie O'Sullivan: »Ronnie. The Autobiography Of Ronnie O'Sullivan.«

Ronnie O'Sullivan polarisiert. Für die einen ist er der »Mozart des Snooker«, für die anderen ein durchgeknallter Freak, der seine persönlichen Dämone nicht in den Griff bekommt. Ein Dr. Jekyll/Mr. Hyde, der beide Seiten in dieser Autobiographie – welche übrigens meines Wissens nur in Englisch verfügbar ist, aber durchaus leicht verständlich – gleichermaßen zu Wort kommen lässt und sein Leben nah und fern des Snookertisches ohne unangemessene Rücksicht erklärt. Ein Typ, der an beiden Enden brennt, bei dem Genie und Wahnsinn um Haaresbreite nebeneinander liegen, und der nebenbei noch ein paar lustige Anekdoten aus der Snookerszene preisgibt.

Ein Muss für Fans von Ronnie – immer noch hochinteressant für Fans des Sports.

23 Jul 2007 Patrick Redmond: »Das Wunschspiel«

Der schüchterne Jonathan ist unzufrieden mit seinem Leben in einem noblen Knabeninternat im England der fünfziger Jahre. Zwar schätzen einige Schüler und Lehrer den intelligenten Jungen aus einfachen Verhältnissen, doch der Löwenanteil piesackt und quält ihn, bis sich eines Tages der Einzelgänger Richard auf seine Seite schlägt. Aus Bewunderung für dessen Stärke und Unabhängigkeit buhlt Jonathan um Richards Freundschaft, der ihn aus Dank vor seinen Peinigern schützt. Doch hinter Richards unabhängiger Fassade steckt ein komplizierter Mensch, der mehr Probleme hat, als er nach außen preisgibt. Eine gegenseitige Abhängigkeit, die bald in komplexe Psychospiele mündet, beginnt und nimmt ihren Lauf ins Unheil.

Grundsätzlich ein unterhaltsamer und kurzweiliger Roman, welcher durchaus mit Spannung und Überraschungen aufwartet, für meinen Geschmack jedoch letzten Endes eine Spur zu weit an den Haaren herbeigezogen.

17 Jun 2007 Tom Wolfe: »Ich bin Charlotte Simmons«

Ein Stipendium an der traditionsreichen (fiktiven) Dupont University soll die herausragende Schülerin Charlotte Simmons aus dem winzigen Dorf in den Bergen North Carolinas endlich in die lang ersehnte Welt des Intellekts und der Forschung bringen. Schnell wird ihr jedoch bewußt, dass im ersehnten Zentrum des Wissens andere Dinge Vorrang haben – Sport, Klamotten, Partys, Saufgelage und Sex. Die hochintelligente Hinterwäldlerin droht zur Außenseiterin zu werden, da sie ihre hochreligiöse Erziehung nicht verdrängen will und kann.

Doch trotz ihrer zurückhaltenden Art kann sich die hübsche Charlotte bald kaum vor Verehrern retten: Sporttrottel Jojo, der einzige weiße Basketballstar auf dem Campus; Verbindungsmacho Hoyt, eine lebende Campuslegende als Ladykiller; und der Geek Adam, der sich für einen der letzten Intellektuelle auf einem Campus des Schwachsinns hält. Die unerfahrene Unschuld vom Lande entscheidet sich für den Falschen, was fatale Folgen nach sich zieht …

Dieser Roman ist ein Meisterstück, eine gnadenlose Entlarvung weiter Teile des modernen Amerikas, und noch dazu lesen sich seine 950 Seiten weg, als wäre es nichts. Brillant. Lesebefehl.

27 May 2007 Melissa Bank: »Dinge, die Frauen aus Liebe tun«

Wenn ein Buch so heißt, wie dieses, im Diana-Verlag erschienen ist und noch dazu pink und giftgrün die dominierenden Farben des Einbandes sind, dann ist es ein Mädchenbuch – oder? Falsch. Es ist die Geschichte der Tochter einer jüdischen Familie in Pennsylvania, die ohne den Schutz ihrer Familie in der großen, weiten Welt von New York verloren wäre, wenn sie nicht nach und nach doch herausfinden würde, wie der Hase läuft. Diese Geschichte wird leichtfüßig und sehr lesbar erzählt, mit lakonischer Ironie, herrlichen Zwischentönen und einem Faible für winzige Einzelheiten. Und deswegen ist man ein bißchen erstaunt, wenn sie so schnell zu Ende geht.