23 Jul 2009 Harry Rowohlt: »Gottes Segen und Rot Front«

Hierbei handelt es sich um den zweiten Teil von »Der Kampf geht weiter«. Ergo kann ich mir sparen, zu erklären, worum es geht – die beiden Bücher unterscheiden sich durch ca. 190 Seiten sowie den Inhalt, welcher trotzdem die Gesichtsmuskulatur von Grinsen über Schmunzeln bis Lachen voll auslastet.

Stattdessen meine persönliche Lieblingsanekdote aus Harrys Korrespondenz in getrimmter Kurzform:

Da sitzt ein in Bremen gestrandeter Hamburger, die arme Socke, im Ratskeller und muss mithören, wie am Nebentisch Bremer Kaufleute auf Hamburg schimpfen. Nachdem er gezahlt hat, verabschiedet er sich von diesen mit Folgendem:

Ersdaunlich, wie schlecht Sie über Hamburg gesbrochen haben. In Hamburg sbricht man gar nicht über Bremen.

Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.

16 Apr 2009 Juli Zeh, David Finck: »Kleines Konversationslexikon für Haushunde«

Der extrem wuschelige schwarze Hund auf dem Cover dieses Taschenbuches gehört Frau Zeh, die ansonsten eigentlich grandiose Romane und nicht mit Kant, Planck und der normativen Kraft des Faktischen versetzte Sammlungen von Anekdoten und Beobachtung rund um ihren eigenen Haushund (welcher übrigens auf den Namen Othello hört) schreibt.

Dabei wäre sie besser geblieben, denn diese alphabetisierte Sammlung ist bestenfalls stellenweise unterhaltsam. Ach ja: Von David Finck sind die Fotos, und auch die sind leider nicht so richtig spannend.

Ich kann das Bedürfnis, dem eigenen vierbeinigen Begleiter ein literarisches Denkmal setzen zu wollen, durchaus nachvollziehen. Aber bitte mit etwas mehr Schmackes.

05 Apr 2009 Michel Birbæk: »Beziehungswaise«

Man ist geneigt, den Roman für einen „leichten Sommerroman“ zu halten. Die Taschenbuchausgabe hat ein quietschoranges Cover, auf dem ungeschnürte Turnschuhe zu sehen sind. Es geht um eine Liebesgeschichte, es hat den typisch dänisch-skurrilen Birbæk-Humor … aber es stellt auch – wie immer bei Birbæk – philosophische Fragen über das Leben, den Tod und die Liebe.

Comedian Lasse und seine langjährige Freundin Tess haben sich auseinander gelebt. Er hadert mit der eigenen Karriere, während sie selbige macht. Keine der Hochzeiten, die sie besuchen, ist die eigene, und im Bett ist seit zwei Jahren Funkstille. Aber auch wenn die Leidenschaft verloren gegangen ist – Freunde sind die beiden mehr denn je, und das erschwert den eigentlich überfälligen Schritt selbst dann noch, als Tess nach China gehen soll und Lasses Vater in Dänemark im Sterben liegt.

Eine Trennungsromanze rund um Comedy und Karneval, Pflegedienst und Sterbehilfe. Eine Mischung, auf die wohl nur Dänen kommen können. Unterhaltsam und interessant, aber auch kein Jahrhundertroman.

19 Jan 2009 Ralf Husmann: »Nicht mein Tag«

Seltenst hat ein Autor einen Buchtitel treffender gewählt.

Till Reiners, durchschnittlicher Bankmitarbeiter mit bravem Lebensstil, wird bei einem Banküberfall als Geisel genommen. Zu seinem Prolo-Geiselnehmer Nappo entwickelt Till schnell ein Paradebeispiel von Stockholm-Syndrom, während die beiden in klassischem Roadmovie-Stil in Tills Subaru vor der Polizei flüchten.

Dieser Roman ist leider wie sein Protagonist: Brav, bieder, vorhersehbar. Und leider so gut wie nie »hoffnungslos lustig«, wie der Einband euphorisch verspricht. Durchgefallen.

22 Dez 2008 Dagmar Schönleber: »Nackt im Bus«

Total gemein eigentlich, aber man muss es mal so sagen dürfen: So langsam ist es jetzt nicht mehr sehr originell, Schoten aus dem eigenen Leben aufzuschreiben und zwischen zwei Buchdeckeln drucken zu lassen. Ilies (hierzublog unrezensiert), Jochimsen, Goosen, Frau Buddenkotte und nun auch noch Frau Schönleber (Deckung, Flash!). Hörte ich da ein »Du musst es ja nicht lesen.« aus dem Off? Doch, muss ich. Und das nicht nur, weil meine Lieblingsfotografin das Umschlagfoto geschossen hat.

Dagmar Schönleber kann etwas, was nicht viele können: Schreiben, wie man spricht, und das saukomisch. Ich höre den kölschen Opi genauso vor mir wie den stotternden Sänger der Schlammfressenden Ghettogötter, den Punk, der unbedingt Rettungssanitäter werden will und den Taxifahrrär aus Teherran. Sie springen förmlich aus den leider viel zu wenigen Seiten.

Die wahre Schönheit der »melancholerischen Großstadtgeschichten« aber liegt da, wo sie immer liegt. Nein, nicht im Verborgenen – im Detail. Das Detail ist klein, weshalb man es leicht überliest. Aber wenn man aufpasst, liest man hier von schwarz gefärbten Schlafanzügen, unqualifiziertem Kinderpogo und enorm betrunkenen Punkrockern. Und fühlt sich irgendwie zu Hause.