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08 Jan 2007 Grunge oder: Wie ich die Gitarre lieben lernte (Teil 1)

Wir alle hören Musik. Die einen von uns tun es mit manischer Besessenheit und einer gewissen Prise Musikfaschismus, die anderen mögen »alles, was so im Radio läuft halt«. (Brrr.) Ich persönlich glaube ja, dass unser Musikgeschmack durch unsere in verschiedenen, teilweise parallel stattfindenden Phasen ablaufende »musikalische Sozialisation« bestimmt wird.

Wann fängt man an, Musik selbständig zu hören, also nicht nur das wahrzunehmen, was in unmittelbarer Gegenwart erschallt, sondern sich auszusuchen, was davon einem gefällt – mit elf, zwölf, dreizehn Jahren? Tja. Das war in meinem Fall die Zeit, als die Neue Deutsche Welle in Gänge kam, in die sie besser nie gekommen wäre. Hubert Kah hüpfte geschminkt im rosa Nachthemd durch die ehrwürdige Hitparade im »Zett Deh Eff«, meine selige Mutter fiel vor Schreck fast vom Sofa und ich fand es ziemlich prima, was der komisch angezogene Mann da sang (soweit ich mich erinnere, handelte es sich um »Rosemarie«, was besonders unterhaltsam und vermutlich mit der Grund war, weshalb meine Mama leichte Gleichgewichtsstörungen bekam – ich habe eine Tante gleichen Namens). Etwas später waren alle Jungs in Nena verknallt, was vermutlich weniger auf stimmliche Höchstleistungen, sondern eher auf kurze Röcke zurückzuführen war.

Jedenfalls mündete all das irgendwann in »Synthi-Pop«, weil bei NDW-Songs zwar oft Gitarre dabei war (ich erinnere nur an »Kralle«, den Gitarristen von Trio), aber selten die erste Geige spielte. Die unangenehme Seite der späten 80er müssen wohl Italo-Boot-Mixes und quietschende Damen mit Körbchengröße Doppel-D gewesen sein, die Überlebenden im positiven Sinne hingegen Sampler-Programmierer wie Depeche Mode oder Erasure, weshalb ich heute noch grinsen muss, wenn ich auf Flohmärkten in schwarz gewandete Männer Mitte zwanzig bis dreißig verzweifelt nach den DM-Platten suchen sehe, die sie »damals« ihrer kleinen Schwester vermacht haben. Meine (Vinyl-)Augabe von »101« steht hier immer noch – muss halt auch mal von Vorteil sein, ein verzogenes Einzelkind zu sein.

Irgendwann entdeckt dann, denke ich, jede(r) Pubertierende, dass auch die eigenen Eltern mal jung waren und Musik mochten, woraufhin deren Plattensammlung schubweise ins Kinderzimmer umgezogen wird. Das fiel in meinem Fall so aus. Obschon altersmäßig in der richtigen Gruppe, waren meine Eltern weder Beatniks noch Hippies, insofern blieb es mir verwährt, im elterlichen Phonoschrank (den es ohnehin nicht gab, bei uns wurde Radio gehört; den Sender verschweige ich aus Artenschutzgründen) Perlen der Jugend meiner Erzeuger für mich zu entdecken – keine Beatles, keine Stones, keine Doors. Mit Freddy Quinn (auf Kassette) hätte man vermutlich dienen können, und ab da wäre es dann abwärts gegangen … die Begegnung mit den Sixties und Seventies kam also »second hand« über Freunde, die zwar älter waren, aber dennoch jüngere Eltern hatten, an denen der Kelch des Schlagers vorbeigegangen war.

(Wird fortgesetzt.)

3 Trackbacks

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  1. YellowLeds Weblog: Grunge oder: Wie ich die Gitarre lieben lernte (Teil 2) (09.01.07, 13:12)
  2. YellowLeds Weblog: Grunge oder: Wie ich die Gitarre lieben lernte (Teil 3) (15.01.07, 14:05)
  3. YellowLeds Weblog: Grunge oder: Wie ich die Gitarre lieben lernte (Nachklapp) (16.01.07, 12:10)

12 Comments

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  1. * DrNI (08.01.07, 10:05):

    Da hast Du ja ein ewiges Thema angeschnitten. Leider gab und gibt es hier in der elterlichen Plattensammlung nicht viel zu holen. Man hört Klassik und fühlt sich dabei irgendwie intellektuell. Deswegen hört man das am besten den ganzen Tag, SWR2 Kultur. Trägt den Intellekt schon plakativ im Titel. Die Ausnahmen aus dieser Plattensammlung habe ich mir schon auf CD zugelegt. Ich bin ja noch etwas jünger als YellowLed. Da hat man es nicht mehr so mit Platten. ;-)
    Und wer würde mir schon glauben, daß es Grunge war. Grunge war indirekt der Grund dafür, Keyboarder werden zu wollen. Damals. Erinnerungen… STOPP. Das tu ich hier nun niemandem an.

  2. * YellowLed (08.01.07, 12:33):

    Das Thema »Klassik« werde ich wohl indirekt im nächsten Teil streifen. Ansonsten muss man dazu vielleicht auch noch sagen, dass Du natürlich auch damit gestraft bist, in einem Teil Deutschlands aufgewachsen zu sein, in dem »vernünftige« Radiosender meines Erachtens seltener sind als Pinguine ;-)

    (Und nebenbei bemerkt: Vinyl wird hier bei mir auch schon lange nicht mehr abgespielt, dafür fehlt mir der taugliche Plattenspieler.)

  3. * Claudia (19.01.07, 02:47):

    Ich kann dir richtig mitfühlen. Zum Glück gehe ich noch auf Konzerte und spiele gerne für mich selbst noch so rum.

    PS: gibt es hier auch bald was zu hören?

  4. * YellowLed (19.01.07, 09:34):

    Hier wird’s für’s Erste nichts zu hören geben, es sei denn, ich begeistere mich auf meine alten Tage nochmal für’s Podcasting. Neue Aufnahmen mit der Band sind im Grunde geplant, können aber auch durchaus noch etwas dauern. Sollte dich da was tun, werde ich es natürlich freudestrahlend hier verkünden :-)

  5. * gitarrenlehrer (28.01.07, 15:25):

    Hallo Matthias,

    sehr interessanter Weg. Ähnelt dem, den ich gemacht habe und kann dir nur zustimmen.

    Auf fröhliches Klampfen

  6. * Die Göhre (15.02.07, 10:34):

    Ich finde es immer wieder interesant zu sehen,wieansonsten durchaus schlaue Leute meinen,dass Grunge Anfang der 90er als nturwunder anstatzlos vom Himmel fiel.Aber das der Mega-hype nur möglich wurde,weil er auf einem kompletten Jahrzehnt intensiver Vorarbeit aufbauen konnte,ist anscheinend im Dunkel verschwunden,als die Massenmedien ihre Blitzlichter auf eine kleine Grunge-Kapelle mit buddhistischem Namen richteten.meine Geschichte ist insofern anders,ich hörte Grunge nicht nur weil es mir Spaß macht,auch weil es für mich was besonderes ist, es ist für mich mein Leben,ich lebe und liebe Nirvana udn das ist gut so!

  7. * YellowLed (15.02.07, 13:15):

    Du hast natürlich insofern Recht, als dass es Grunge deutlich vor ’91/‘92 gab, sofern man von Grunge als Musikstil redet – der aber da noch nicht so hieß, zumindest nicht als solcher wesentlich außerhalb Seattles oder meinethalber der USA wahrgenommen wurde. Das wurde er erst, als ein popkulturelles Phänomen daraus wurde, und das wiederum beginnt meines Erachtens mit »Nevermind«.

  8. * Die Göhre (20.02.07, 17:18):

    Das alles mit >Nevermind< anfing ist richtig,mit diesem album wurde >Grunge< erst richtig bekannt,aber auch Nirvana mussten darauf aufbauen,wie andere ihre stile halten.Auch sie suchten bestimmt einmal nach einer richtung die sie interessierte und das taten sie.Sie bauten sozusagen auf andere auf,weil jeder eine inspiration braucht.
    hätte es diesen hype nicht gegeben,wäre kurt vielleicht noch am leben,aber auch nur vielleicht(ich sage nur Drogen)!wäre er jemals davon losgekommen?!ich weis es nicht und wir werden es auch nie erfahren.ich habe mich mit diesem menschen schon lange beschäftigt,mich interessiert nicht nur seine/ihre musik,sondern auch was diesen menschen bewegt hat,was ihn dazu gemacht hat,was er war!
    wie lange befasst du dich damit schon?!ich tu es vielleicht deines erachtens noch nicht lange,weil ich auch nicht weis,wie lange du dabei bist,aber durch fernsehen,dvd´s bücher,musik und internet konnte ich viel daraus lernen!vielleicht meldest du dich und beantwortest meine frage!

  9. * YellowLed (20.02.07, 18:12):

    Ja, natürlich bauten sie auf etwas auf – auf ihrer eigenen musikalischen Sozialisation, welche vielleicht bei Nirvana sogar noch etwas vielschichtiger war als bei anderen Grungebands. Generell sind die wichtigen Einflüsse dort vieles aus den 70ern (Black Sabbath, Led Zeppelin) oder 60ern (Beatles, Stones, Who), was man allein schon den Cover-Songs entnehmen kann, die Grungebands gemacht haben.

    Und ich befasse mich damit natürlich, seitdem es mich »erwischt« hat, wie ich in den diversen Teilen dieser Eintragsserie auch schreibe – also ca. seit 1992, aber natürlich auch nicht rund um die Uhr. Ich höre schon auch noch andere Musik ;-)

  10. * Die Göhre (25.02.07, 20:34):

    naja gut….da ich gerade mal 16 bin und diesen musikstil noch nicht gleich in die wiege glegt bekommen habe,habe ich diesen musikstil erst anfang 2002 mitbekommen. ich höre auchnoch andere musik,die mich fast ebenso begeistert hat,aber ebend nicht so wie grunge oder punk im allgemeinen.also denk ich mal kann ich noch nicht so mitreden wie du,obwohl ich mich damit tagtäglich beschäftige.

  11. * YellowLed (25.02.07, 23:44):

    Dann lass ich doch aus gegebenem Anlass – habe heute die CD endlich selbst gekauft – einen Geheimtipp los, eine Band, die ich nach wie vor unfassbar gut finde, die aber nie »groß« geworden ist: Hammerbox. Das Album, welches ich meine, heißt »Numb«. Angepunkter Grunge mit einer herrlich kratzbürstigen Frauenstimme. Unbedingt mal reinlauschen, wenn es irgend geht.

  12. * karl ludwig (07.09.08, 14:47):

    nich ganz richtig meine lieben. grunge gibt es seit ende der achtziger als popkulturelles phänomen. 1981 hat mark arm von mudhoney den term zum ersten mal gebraucht, um damit musik zu beschreiben, namentlich, die seiner damaligen band “mr. edd”(wenn ich mich nicht irre). 1986/7 übernahm der schlaue herr bruce pavitt, seines zeichens der mann aus der pr abteilung von subpop (haha, in sonem kleinen indi label muss man eben an alles selbst denken) den ausdruck “grunge” um seine gesigneden bands aus dem großraum seattle zu promoten. auch ein indilebewesen hat schließlich hunger ;-)
    soweit war das alles ein phänomen für indifreaks in den usa.
    der noralgische punkt der popkulturellen wende kommt im jahre 1989! soundgarden verlassen subpop und signen ein major label. und was passiert im selben jahr? auch sonic youth(hier explizit nicht als grunge, sondern “indi“band verstanden) signen einen major deal. und schon im jahre 1990 war man sich in new york ganz offensichtlich im klaren darüber, dass man als band hier die “neue” oder zumindest seit den späten 70er/anfang der 80er auf eis gelegte strategie der major labels und modekonzerne unterstützt und dafür instrumentalisiert wird… welche? naja, die religiöse halt. man lässt sich von der gegenkultur zeigen, was sie antreibt und was ihre werte sind und dann erschafft man ein produkt, das sinn und identität schafft. so war das mit grunge. übrigens nicht meine eigene isolierte meinung sondern so zu finden in vielen interviews mit den leuten, die damal insider waren.
    ich empfehle hier z.b. die dokumentation “hype” als schönen einstieg in das thema.
    grunge begann also nicht mit nevermind als popkulturelles phänomen(das war nur im popkulturellen authistenland deutschland so, wo man immer etwas langsamer ist, selbst wenn popkultur im eigenen land entsteht, siehe “kraut” und “(minimal)techno”.
    grunge als medienereignis beginnt 1989.

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