< Druckertreiber neu packen | Olympus SP-590UZ - Erster Eindruck >

18 Aug 2010 Zweitwohnungen

Seit ich 16 bin, hatte ich immer eine Zweitwohnung. Sie waren alle spartanisch eingerichtet und in unvorteilhafter Lage gelegen, zum Teil mit schrulligen Eigenheiten und immer mit lauten Mitbewohnern ausgestattet. Aber das war okay so – ich spiele in einer Band, meine Zweitwohnung ist ein Probenraum. (Hier sagt man „Probenraum“, anderswo „Proberaum“ und am einfachsten wäre es vermutlich, alle würden „Übungsraum“ sagen.)

Auf Wunsch einer einzelnen Dame plaudere ich dann hier darüber mal ein bisschen aus dem Nähzeug.

Probenräume gibt es in allen Farben, Formen und ja, auch Gerüchen. Es gibt Kellerräume in Elternhäusern und gemietete Fabriketagen, ungenutze Scheunen und die gute, alte Garage. Manche sind aufgeräumt und hell, munkelt man – die meisten sind vollgerümpelt und dunkel. In manchen wird geraucht und Bier getrunken, in anderen gibt es Kaffee und Kuchen. Ich hatte sie bestimmt nicht alle, aber so einige.

Kategorie: Normal (relativ)

Der erste Probenraum, den ich je hatte, war (klassisch) in der hiesigen Musikschule. Das heisst natürlich, dass man zwei Dinge muss: Connections haben und sich benehmen. Zu letzterem gehört hier auch, dass man kein Equipment stehen lässt, was dazu führt, dass dort niemand lange probt – der Musiker an sich ist von Natur aus faul und hat (in dem Alter) weder Roadies noch Führerschein.

Ganz ähnlich ist es, in einem Jugendzentrum zu proben – wenn man allerdings Glück hat, darf man sein Geraffel dort stehen lassen, was die folgerichtige Frage aufwirft, ob man das will. Ist der Probenraum (wie in diesem Fall) nicht für jeden zugänglich und mit einem seperaten Eingang ausgestattet, lässt man sich aus dieser Luxusausgabe normalerweise nur noch durch Naturgewalten verdrängen – wie etwa die Umwandelung des Raumes in einen vollverspiegelten Tanzraum. (Nicht vermisst wurden hingegen die verzweifelten Versuche der benachbarten Death-Metal-Band, eine Gitarre zu stimmen.)

Kategorie: Ungewöhnlich (Mehr oder weniger)

Elternhauskeller kenne ich in verschiedenen Variationen. Die „schönste“ war winzig klein (Reihenhaus), komplett mit Holzimitat vertäfelt und eigentlich eine Kellerbar voller klebriger, bunter Urlaubsmitbringsel. Die mit Styropor ausgelegte Decke knapp über Scheitelniveau eines Mitteleuropäers stellte sich schnell als pratisch nutzbar heraus – sie wird noch heute von diversen Plektrum-Einstichen geziert. Schön auch die permanente Untermalung durch im Schrank klirrende Gläser, wenn der Bass einsetzte.

Aus der Abteilung „interessant“ auch der Kellerraum, in den gelegentlich in Urlaubsvertretung betreute Katzen als Untermieter einziehen durften, zur Probe dann aber fluchtartig den Raum verließen. Faustregel: Erst Zigarette anmachen, dann Fenster auf, dann wieder atmen. Hier wäre übrigens auch der Rekord im Bierkisten-Stapeln (leer) eingestellt worden, hätte die Deckenhöhe nicht eingegriffen.

(Nicht im Keller habe ich meiner Erinnnerung nach nur einmal geprobt – sagen wir mal so: Im ersten Stock zu proben macht transporttechnisch kaum einen Unterschied, aber die Aussicht und das Tageslicht sind schon angenehm.)

Kategorie: Skurriles

Der skurrilste Ort, an dem ich jemals geprobt habe, war eine Sauna. Wobei sich das skurriler anhört, als es ist – wenn der Betreiber der Vater eines Bandkollegen und die Sauna im Sommer geschlossen ist, spricht nichts dagegen, den Raum, in dem man sich nach dem Saunagang besäufterholt, im Sommer zum Probenraum umzufunktionieren. (Ja, man kann auf einer Liege lümmelnd Gitarre spielen.)

Der eigentliche Auslöser dieses Artikels war aber mein vorletzter Probenraum: Ein ehemaliger Heizungskeller mit einer durchschnittlichen Deckenhöhe von 179 Zentimetern. Ich für meinen Teil bin schlanke 10 Zentimeter größer, was aber nur dann ein Problem gewesen wäre, wenn nicht ein Teil des Raumes eine gewölbte Decke gehabt hätte, um den Öltank aufzunehmen – dort konnte die eine Hälfte der Band im Stehen spielen, die andere spielte ohnehin im Sitzen oder war zwergenwüchsige 1,75 oder kleiner. Man muss natürlich den Raum gebückt betreten und stößt sich beim Raustragen von Equipment normalerweise mehrfach den Schädel, aber: Das war der einzige Probenraum, in dem wir jemals das Schlagzeug auf einem Podest stehen hatten. (Zugegeben: Wegen des Stauraums darunter.)

0 Trackbacks

Trackback-URL

  1. Keine Trackbacks

13 Kommentare

RSS Feed (Kommentare) für diesen Eintrag

  1. * Pleitegeiger (18.08.10, 15:34):

    Hach. Danke! Ich sollte mir viel öfter Schwänke aus Deiner Jugend wünschen – der letzte war der, warum Du Frankreich doof findest, und ist eeeewig her. :-)

    Proben in der Sauna finde ich super. Ich hoffe, Ihr wart auch immer ordnungsgemäß gekleidet (also allenfalls mit Handtuch umme Hüfte)? Und überleg Dir, was Du antwortest: ich könnte Bilder forden.

  2. * YellowLed (18.08.10, 15:38):

    Mein Jugend ist ja auch schon … naja, lassen wir das.

    Nein, wir haben weder nackt noch in Bademänteln oder behandtucht geprobt. Im Ruheraum ist es kühler, als man meint. ;-)

  3. * Ormus (18.08.10, 15:44):

    Waren dein Feed schon immer verkürzt? Mir noch nie aufgefallen…

  4. * YellowLed (18.08.10, 15:48):

    Nein. Sie sind technisch gesehen jetzt auch nicht verkürzt — ich nutze nur seit der Umstellung auf große Schrift immer häufiger die Möglichkeit, einen erweiterten Eintrag zu schreiben, um die Startseite übersichtlich zu halten.

    (Das mache ich auch aufgrund der thematischen Mischkultur hier — viele Leser interessieren z.B. meine s9y-Einträge überhaupt nicht, und die haben dann nur den „Anreißer“ im Feed.)

    Das ist keine Maßnahme, um mehr Besucher auf das Blog zu locken oder so — es ist einfach die Standardeinstellung, wenn man erweiterte Einträge ausliefert.

  5. * nedfuller (18.08.10, 16:04):

    grossartig!

    Danke.
    Jugendzentrum war immer probelmatisch, vor allem wenn so Töffel wie ich dann an Instrumente rankommen, die einfach nicht für denjenigen gemacht sind, also in meinem Fall alle. Zum Glück hat nieeeee jemand rausgefunden, wer die Gitarre kaputt gespielt hat.

    Nein ich sage nicht wo und wann, das Internet merkt sich alles ;-)

  6. * Pleitegeiger (18.08.10, 16:07):

    Du hast sie vermutlich nicht kaputt*gespielt*... Du hast sie ganz rockstarmäßig auf dem Boden zertrümmert, gib’s zu!

  7. * DrNI (18.08.10, 16:13):

    Übungsraum darf das nicht heißen, die Bandmitglieder üben sowieso viel zu wenig und bei der Probe soll schließlich geprobt und nicht geübt werden.

    Schöne Liste. Könnte ich auch mal machen. Interessant waren in einem Jugendprojektproberaum die Notausgänge, die aus Kellerfenstern bestanden, durch die sich kein erwachsenes Knochengestell selbst ohne Speck drauf hätte hindurchzwängen können.

    Leider wohne ich in einer Stadt, in der ein Proberaum pro Monat mehr als eine kleine Wohnung kostet. Also teilt man sich den Raum und dementsprechend schleppt man dauernd Zeug, denn Bier im Keyboard wäre das Ende. Und am Ende war es wieder keiner.

    Am besten sind als irgendwelche Kämmerlein, ob über- oder unterirdisch, irgendwo auf dem Land in Elternhäusern. Da braucht man dann aber immer ein Auto.

  8. * YellowLed (18.08.10, 16:14):

    Besonders schön auch, wenn man (wie ich) einen Bass hat, der über einen 9-Volt-Block eine aktive Elektronik befeuert, die fleißig die Batterie leernuckelt, wenn man nicht nach dem Spielen Volume runterdreht und/oder den Stecker abzieht.

    Aber so nach 3-4 „Hinweisen“ hat dann auch der größte Tüffel gelernt, dass man nicht ungefragt an fremde Instrumente geht. Oder sich am Schloss des Koffers die Zähne ausgebissen.

  9. * Klaus (18.08.10, 19:56):

    Proben in der Sauna. Klingt heiß. :-)
    Wir hatten mit unserer Bigband vorübergehend einen Raum in einer alten Fabrik ohne Heizung. Was für ein Mist im Winter, wenn man nur diese Gasheizerchen hat …

  10. * DrNI (19.08.10, 02:23):

    Naja so ein Bass ist mit einer passablen Tasche ja selbst auf dem Fahrrad gut zu transportieren. Aber mein Stage Piano wiegt mit Koffer 52kg und passt nicht wirklich ins Auto… und sein ebenes Gehäuseoberteil lädt geradezu zum Parken von Getränken ein. So spiele ich halt auf einer Gurke, die jemand in den Katakomben deponiert hat. Eine richtige Lösung ist auf Dauer nötig, aber das geht ins Geld.

  11. * YellowLed (19.08.10, 12:33):

    Gibt’s für sowas™ keine Cases, bei denen man im geöffneten Case spielen kann? Sowas sollte ja wasserdicht sein, wenn man’s zu hat. Oder ist das die besagte Lösung, die ins Geld geht? :)

  12. * DrNI (21.08.10, 09:08):

    Nunja, das Case auf dem Ständer ist halt auch nicht gerade handlich, wäre aber natürlich ein Lösungsansatz, vor allem weil man dann den Deckel drauf machen könnte und das Teil in die Ecke stellen. Dann hätte ich aber zu Hause kein Klavier mehr.

    Es gibt auch leichtere portable digitale Klaviere, wenn auch nicht mit so guter Mechanik wie die Holzklaviatur von meinem. Und das wäre die Lösung, die ins Geld geht.

  13. * Michael (25.09.10, 23:21):

    Ich suche grade nen Proberaum nähe Lübeck also wenn wer was hat oder kennt bitte melden

Kommentar schreiben

Bitte die Hinweise beachten.

Hinweise

Textile-Formatierung erlaubt
Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.
Gravatar, Twitter, Identica, Favatar Autoren Bilder werden unterstützt.

Pflichtfelder sind mit * markiert.

Kommentare, die mindestens einen Link enthalten, werden moderiert. Kommentare, die mindestens 3 Links enthalten, werden abgewiesen. Sorry – Spamschutz.

Bei Emoticons, die mitten in Sätzen stehen, möglichst keine Nasen einsetzen [ :), ;) usw. ], da es ansonsten im Zusammenspiel mit Textile zu Merkwürdigkeiten kommen kann.