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08 Aug 2009 Wie die Franzosen mir Bob Marley vermiesten, Teil 2

Ich wollte ja noch erzählen … (Wer jetzt völlig konfus vor dem Browser oder Feedreader sitzt: Erst den ersten Teil lesen.)

Nach zutiefst irrlichtiger Hinreise verbrachten mein Kumpel G. und ich also eine knappe Woche zwischen den richtigen (Tower Records, Madame Tussaud's und Pubs) und den falschen Sehenswürdigkeiten Londons (eine Runde mit der Circle Line der Londoner U-Bahn klappert übrigens alles ab, was man laut Reiseführer gesehen haben sollte; die einzige Linie, die kaum unterirdisch fährt und in der kein Wort Englisch gesprochen wird), um uns schließlich auf den Weg zurück zu machen – und natürlich ging der Ärger wieder los, kaum, dass man das Land der Froschfresser betreten hatte.

Adoptierter Koreaner

Trotz wiedrigster Umstände (Stichwort: British Railways) plumpsten wir rechtzeitig in Calais von der Fähre auf gallisches Festland. Allein – wer nicht kam, war die Bahn. Hartgesottene Frankreichreisende kann so eine lumpige Verspätung natürlich nicht schrecken, Asiaten in der europäischen Fremde hingegen schon.

Wir verbrüderten uns auf dem Betonboden der Bahnhofes von Calais spontan mit C. aus Korea (Nord- oder Süd- hab ich vergessen, aber er erzählte uns, wie sehr er uns um die deutsche Wiedervereinigung beneide. Ernsthaft.), der auf dem Weg nach Cologne war – Köln ist für Koreaner nahezu unaussprechlich. Anstelle einer Blutsbrüderschaft tauschten wir von der Fähre importierte Gauloises Blondes gegen koreanische Zigaretten – ich bin bis heute froh, dass es dabei bei einer Kippe blieb. Was für ein grausames Kraut! Dafür weiß ich seitdem, wie mit Kugelschreiber handgeschriebene koreanische Schriftzeichen aussehen, und das kann ja auch nicht jeder von sich behaupten. Sagen wir mal so: Mit Kalligrafie hat das nicht mehr viel zu tun.

Statt Hotel

Wir liefen also mit kollossaler Verspätung in Paris ein, was nahezu logischerweise in einem nicht mehr vorhandenen Anschluß nach Deutschland resultierte. Das kann den abgehärteten Frankreichreisenden aber ja nicht schocken.

Wir schlugen zusammen mit unserem koreanischen Begleiter ein Nachtlager im Gare du Nord auf und erlebten das Wunder der Sprache in Frankreich. Wie bereits festzustellen war, spricht der Franzose an sich eigentlich ausschließlich eine Sprache (seine) und erwartet das auch von anderen Menschen, die sich auf französischem Boden bewegen. Man sollte allerdings nicht unterschätzen, welch' klar verständliches und nahezu akzentfreies Englisch französischen Mäulern zu entlocken ist, wenn man nachts auf ihren Bahnhöfen rumlungert und eventuell billige Fluppen von der Fähre zu verticken hat. Fragt man allerdings ob der späten Stunde im Gegenzug nach einer preisgünstigen Unterkunft in Bahnhofsnähe, verliert der Franzose an sich diese Sprachbegabung auf der Stelle wieder. Tragisch.

Selbst die Behelfsunterkunft Bahnhof wurde uns zusammen mit den versammelten Clochards beizeiten entzogen, wir fanden uns – zusammen mit zwei Interrailern aus Dänemark und Wales – auf sommerlichen Pariser Straßen wieder. Als camp-geeigneter Platz wurde alsbald eine Art Lüftungsschacht der Metro auserkoren – warm genug für eine Nacht auf der Straße war es ohnehin, dort gab es zudem dauerhaftes Licht und einen günstig nahe gelegenen McDonald's. Die Nachtruhe wurde jäh durch einen Diensthabenden der Bahnhofs-Security nebst vermaulkorbtem Schäferhund gestört. Hier lohnte sich die Bekanntschaft des ansonsten schlafenden Wallisers – Französischkenntnisse!

Der Mann teilte uns gedolmetscht mit wallisischem Akzent recht knapp und bündig mit, wir könnten dort nicht campieren, in einer Stunde kämen seine Kollegen von der Metro-Security, und deren Hunde hätten keine Maulkörbe. Er verriet jedoch, dass sich unter dem Gare du Nord ein Parkhaus befände, in welchem Maler am Werkeln seien, weshalb das Parkhaus nächtens unverriegelt und somit bewohnbar sei. Er eskortierte uns sogar höchstselbst auf die siebtunterste Etage dieses Parkhauses, wo wir zum dritten Mal unser Lager aufschlugen. Theoretisch wäre nun an Schlaf zu denken gewesen.

No woman, no cry

Von schnarchenden Interrailern, einem spontan von einer Mischung aus Heimweh und Liebeskummer geplagten Koreaner und einem angesichts des für eine Übernachtung in einem Parkhaus in Paris verbrannten Urlaubstages gepesteten Kumpels mal abgesehen wäre jetzt eigentlich alles super gewesen. Schön noch eine Mütze Schlaf auf der eigenen Reisetasche nehmen und dann morgens mit dem ersten Zug nach Köln.

Was aber ist wesentliches Utensil von Malern, die zu nachtschlafender Zeit ein Parkhaus streichen müssen? Richtig: Musik. Genauer: Reggae. LAUTER Reggae, damit man wach bleibt. Noch genauer: Bob Marley. Ganz genau: Eine maximal handgestoppte 30 Minuten(!) umfassende Zusammenstellung von Bob Marley-Songs. In Endlosschleife. LAUT. Immer wieder von vorne … Ich mochte Reggae vorher schon nicht besonders, aber seitdem nenne ich es endgültig nur noch „Schluckaufmucke”. Ein musikalisches Trauma als Andenken an Paris hat auch nicht jeder.

Wer bis hierhin durchgehalten mag, den wird verwundern, dass danach alles halbwegs glatt in Richtung Heimat lief – sieht man mal von plastikverschweißten Ekelsandwiches und im Schlaf verdrehten Beinen im TGV Richtung Köln ab. Selbst den Koreaner haben wir wohlbehalten in Köln aus dem Zug geschmissen.

Das alles erklärt übrigens auch meine tief empfundene Liebe für den schönen Song „Frankreich“ der Hansen Band aus dem Film „Keine Lieder über Liebe“, denn dort heißt es:

Kannst du dich erinnern, als das alles begann
als Frankreich und Parkhaus nur Worte war'n?

Ernsthaft. Und nein, das ist kein Reggae. Die werden schon wissen, warum nicht.

(Nachtrag: Seht selbst: „Frankreich“ (live), Tomte feat. Jürgen Vogel)

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8 Comments

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  1. * Pleitegeiger (08.08.09, 23:40):

    lach Sehr sehr schön. Ich weiß gar nicht, was Du hast, das sind doch tadellose Urlaubserinnerungen! ;)

    Und daß der Waliser wußte, was Maulkorb auf Französisch heißt… das hast Du bestimmt erfunden. Bisher war ich nämlich immer die Queen der unnützen Franz-Vokabeln – ich weiß immer noch, wie die Drehscheibe heißt, auf der man Straßenbahnen um 180 Grad dreht. (Aber ich wäre nicht mehr in der Lage, nach Zahnpasta zu fragen…)

  2. * YellowLed (08.08.09, 23:44):

    Ach ja, ich bin ja noch einen Beweis schuldig: “Il est interdit de faire l’autostop sur l’autoroute.” (Akzente bitte selbst setzen, das kann man nach … bummelig 20 Jahren nicht mehr von mir erwarten, finde ich.)

  3. * Pleitegeiger (08.08.09, 23:46):

    Je suis éblouie!!
    (Und was hast Du jetzt damit bewiesen…? Also außer, daß Du keine Akzente setzen kannst? g)

  4. * YellowLed (08.08.09, 23:50):

    Dass ich genau einen vollständigen Satz en Francais aussprechen (Ja, auch aussprechen.) kann, eben dieser aber praktisch komplett nutzlos ist (und somit sowohl Herr N. als auch Frau H., die zuvor versucht hatten, mich für diese Sprache zu begeistern, pädagogisch auf ganzer Linie versagt haben!).

  5. * Pleitegeiger (08.08.09, 23:52):

    PS: Da müssen meiner Meinung nach (auch schon länger her) gar keine Akzente…

  6. * Curi0us (08.08.09, 23:59):

    Sacre bleu! Vouz avez parléz Francais?

    (WTF klingt so banal..). Sehr schöne Story, aber Bob Marley finde ich auch ohne die schon… nur begrenzt hörbar :-D

  7. * YellowLed (09.08.09, 00:03):

    Ist sacre bleu dieses panierte Käse-Schinken-Schnitzel? ;)

    Danke :)

  8. * Curi0us (09.08.09, 00:04):

    Nee, was Du meinst ist Gordon. Gordon Blue.

    Sacre Bleu ist Blauschimmelkäse ;-)

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