< Automatenkasse vs Gesichtskontrolle | YellowLeds Weblog in der s9y flickr-Gruppe >

07 Aug 2009 Wie die Franzosen mir Bob Marley vermiesten, Teil 1

Disclaimer: Bitte beachten – die folgende Geschichte hat sich 1993 zugetragen. Vieles kann und wird sich seitdem verändert haben, sowohl in der Realität als auch in meiner Erinnerung. Aber sie ist dafür verantwortlich, dass ich mich noch heute zu Äußerungen wie dieser hinreißen lasse, wenn es um Frankreich geht:

@Pleitegeiger Ins Land der Froschfresser kriegen mich keine 10 Pferde mehr (yellowled am 7. August 2009 via twitter)

Ich stehe dazu, Bekehrung zwecklos. (Naja. Niemals nie sagen.)

Nach dem Klick bzw. weiter unten also die (laaange und daher aufgeteilte) Geschichte von zwei Irrfahrten durch Frankreich, nikotinsüchtigen Sprachnazis und warum ich Reggae im Allgemeinen und Bob Marley im Besonderen bis heute nicht viel abgewinnen kann. Bedankt oder beschwert Euch bei @Pleitegeiger und @Curi0us, die mir diesen Eintrag aus dem Kreuz getwittert haben und folgt mir ins Jahr 1993 …

Willkommen im Jahr 1993

Unser Protagonist (Huch, das bin ja ich!) hat soeben ein mit viel Wohlwollen als „passabel“ zu bezeichnendes Abitur (hüstel) hingelegt und dafür von seinen Eltern einen kurzen Erholungsurlaub auf deren Deckel in Aussicht gestellt bekommen.

Zur allgemeinen Orientierung nochmal: 1993. Kein WWW, keine Handys, die Mauer ist gerade mal vier Jahre offen. Okay? So.

Weil verreisen alleine nicht wirklich viel Spaß macht, klemmt man sich einen Kumpel unter den Arm, der ein paar Tage Urlaub hat, und fährt nach London. Die älteren Leser werden sich erinnern, wie man im letzten Jahrtausend als junger Mensch normalerweise nach London kam: Mit Rainbow Tours. Für wenig Geld in einem überfüllten Bus. Nein, danke.

Mein Kumpel G. und ich planten autark: Start in Eutin, mit der Bahn runter nach Köln, von da rüber über Paris nach Calais, mit der Fähre nach Dover und von dort mit dem Zug nach London. Umständlich? Kinder, das war Jahre vor der Erfindung des Billigfliegers! Wir hatten doch nix!

Schon scheiße, wenn man die Sprache nicht kann

Bis Paris ging ja auch alles gut. In Paris jedoch kräftig Aufenthalt, was zwei Probleme aufeinander prallen ließ: Verzehrter Reiseproviant und mangelnde Sprachkenntnisse. Das Einzige, woran ich mich aus den zwei Jahren Französisch in der Mittelstufe noch erinnern konnte, war leidlich nutzlos („Es ist verboten, an der Autobahn per Anhalter zu fahren.“), also nahm G. all sein Francais zusammen und erstand das französische Nationalgericht zum mitnehmen: Croissants und Cola. Wie wir erst viel später ausrechneten für umgerechnet … ich weiss die Summe nicht mehr (Da hatten wir ja hier noch Dehmark!), aber man hätte davon zu zweit feudal dinieren können.

Weitere Sprachprobleme dann in der Bahn: Wie überliefert ist – das gehört zu den Dingen, die sich vermutlich mittlerweile etwas gebessert haben –, sprach der Franzose an sich früher™ ausschließlich eine Sprache: Seine. Das galt auch in modernen Überlandzügen und rächt sich genau dann, wenn man weder weiss noch per Durchsage mitbekommt, dass der Zug von Paris nach Calais nur sehr teilweise nach Calais fährt. In einem lauschigen Kaff namens Amiens nämlich, welches damals™ zumindest einen traumhaft funktionalen Bahnhof im zeitlosen Betonstil hatte, wurde besagter Zug geteilt – eine Hälfte wanderte nach Calais wie abgesprochen, die andere nach Boulogne.

Ich muss nicht ausdrücklich erwähnen, in welcher Hälfte unsere zwei Helden saßen, oder? Immerhin hatten wir noch rechtzeitig uns nebst Gepäck aus der falschen Hälfte gerettet, um der richtigen hinterher zu winken. Sollte irgendjemand dieser Tage mal Amiens besuchen: Mich würde interessieren, ob man dort im Bahnhof und seinen 250 Meter Umkreis mittlerweile mehr kaufen kann als Blumen.

Die viel zu spät erreichte Fähre – der Blick vom Heck auf den verschwindenden, aber zugegeben imposanten Strand von Calais ist bis heute meine schönste Erinnerung an Frankreich – führte natürlich zu einem viel zu spät erreichten Zug in Dover, was aber nicht weiter dramatisch ist: Wer in den Neunzigern mal das Vergnügen hatte, in einem Abteil der britischen Eisenbahn Platz zu nehmen, wird sich erinnern, dass es sich hierbei um ein zweifelhaftes handelte. Davon mal abgesehen war man ja schon erleichtert, überhaupt englischen Boden erreicht zu haben.

Das war es für's Erste mit Katastrophen – London im September an sich war großartig, meine erste Anschaffung eine kurze Hose, ich bin seither unheilbar süchtig nach Newcastle Brown Ale und über alles andere können wir getrost den Mantel des Schweigens breiten, denn im zweiten Teil will ich ja noch erzählen, was es mit koreanischen Zigaretten und Bob Marley auf sich hatte.

Schalten Sie also wieder ein, wenn Sie YellowLed tippen lesen: „Ich wollte ja noch erzählen …“

1 Trackback

Trackback-URL

  1. YellowLeds Weblog: Wie die Franzosen mir Bob Marley vermiesten, Teil 2 (08.08.09, 23:31)

6 Comments

RSS Feed (Comments) for this entry

  1. * Curi0us (07.08.09, 23:16):

    Der WEG ist das ZIEL, oder?

    Ich bin jedenfalls grad ganz froh, dass ich nie auf die Idee kam, England mit dem Zug… Entweder noch im elterlichen PKW und per Fähre, oder mit Kumpel J. im guten alten Lufthansa-Spezial :-) Keine Franzosen. Jedenfalls nicht bewußt!

  2. * Pleitegeiger (07.08.09, 23:20):

    Ich muß Dich da leider desillusionieren. Die Sprachproblematik hat sich inzwischen nur dahingehend geändert, daß die meisten Franzosen zwar weitere Sprachen als die eigene sprechen könn(t)en es aber ums Verrecken nicht wollen.

    Cola und Croissants sind übrigens immer teuer, wenn man den Juwellier mit dem Supermarkt verwechselt, aber das nur am Rande.

    Und was können eigentlich die Franzosen dazu, daß Ihr beide im falschen Zugabteil…? ;-)

  3. * Curi0us (07.08.09, 23:23):

    Ergänzende Anmerkung noch.. Falls Du mal wohin fliegen solltest und dabei über Hamburg fährst.. Die Flughafen S-Bahn teilt sich in Ohlsdorf. Wenn Du in der vorderen Hälfte sitzt, wirst Du nach Poppenbüttel gekarrt, nur im hinteren Teil kommst Du zum Flughafen. Nicht, dass Du jetzt nach London fliegen willst, und es dann an der Hamburger S-Bahn scheitert… ;-D

  4. * YellowLed (07.08.09, 23:33):

    @Pleitegeiger: Pssst, das mit der Sprache kommt doch noch mal! ;) Nix Juwelier — Bahnhofsstand! Und sie können natürlich etwas dafür, weil sie nirgends in allgemein verständlicher Sprache mitteilten, dass das überhaupt so war! :)

    @Curi0us: Hust Ich bin ja auch schon mal in HH in den falschen Zug Richtung Kiel gestiegen, den über NMS statt HL … allerdings standen die beide gleichzeitig auf 7a und 7b. Dammtor wieder raus, mit U oder S zurück, Stunde warten, naja ;)

  5. * rocxyz (08.08.09, 09:35):

    Super! Toll geschrieben ;)

    Macht mich noch gespannter darauf, wie das wird, wenn ich bald nach Montpellier reise… allerdings schummel ich: zwei Muttersprachlerinnen an Bord ;p

  6. * André (09.08.09, 11:05):

    Oh ja, Franzosen und Sprachkenntnisse… Besonders toll, wenn man mit denen zusammenarbeiten muss, selber aber nur “Croissant” und “Baguette” sagen kann und deren Englisch zu nix zu gebrauchen ist.
    Aber die junge Generation (also meine) scheint mehrsprachig aufzuwachsen. Habe diverse französische Bekannte, die Englisch und Deutsch (wtf?) sprechen

  7. * YellowLed (09.08.09, 11:57):

    Es ist mit Sicherheit mittlerweile abhängig von Generation und Region. Ich habe auch schon für einen relativ jungen s9y-User aus Paris ein Template gebaut — problemloser Mail-Kontakt in Englisch. Dürfte anders aussehen, wenn man in einem Dorf in Südfrankreich eine Oma nach dem Weg fragen will.

Add Comment

Please notice the comment directions.

Directions

Textile-formatting allowed
E-Mail addresses will not be displayed and will only be used for E-Mail notifications.
Gravatar, Twitter, Identica, Favatar author images supported.

Mandatory fields are marked with a *.

Comments including at least one link will be moderated. Comments including at least three links will be blocked. Sorry – spam protection.

Using noses in emoticons might lead to unexpected results in conjunction with Textile, especially in the middle of a sentence – please use :) or ;) etc. instead.