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19 Jun 2009 Betroffenheit, Aktionismus und Aktivismus

Ich spare mir die Verlinkungsorgie, denn wir, die informierten Netzbürger, wissen, worum es geht – das Gesetz, von dem wir alle wissen, wie fehlgeleitet und unsinnig es ist, ist beschlossene Sache. Die „Trittbrettfahrer“, welche nun die Möglichkeiten, für welche dieses Gesetz die Grundlagen gelegt hat, ausnutzen wollen, kreisen bereits. Über die, die sich nun wundern, kann ich mich nur wundern.

Natürlich will ich niemandem verbieten, seiner Betroffenheit über diesen Gang der Dinge in Form von Blogbeiträgen Ausdruck zu verleihen. Ebensowenig will ich Euch davon abhalten, Euren Avataren „Zensiert“-Schilder um den Hals zu hängen. Bloggt ruhig zum x-ten Mal die Todesanzeige für Artikel 5.

Nur glaubt doch bitte nicht, dass das wirklich etwas bewirkt.

Wir leben, das ist nicht erst seit gestern offensichtlich, in einem Staat, in welchem 135.000 Stimmen zumindest den großen Volksparteien egal sein können. Die Reserven in der schweigend hinnehmenden Masse sind groß genug. Meines Erachtens hilft es derzeit auch nicht, auf die SPD einzuprügeln, die ihre traditionellen Werte schon vor langer Zeit verraten hat.

Natürlich hat Frank Helmschrott Recht mit seiner Aussage, die einzige Waffe seien Stift und Stimmzettel. Die Wahlbeteiligung bei der anstehende Bundestagswahl muss brummen, aber es wird nicht reichen, wenn nur die derzeit ohnehin hochpolitisierten Netzbewohner an der Urne Denkzettel einwerfen.

Gut 67 Prozent der Bundesbürger sind online, und wie René Walter richtig betont: Diese gut 67 Prozent sind nur bedingt Teilnehmer im Netz, sie sind eher Informationskonsumenten, auf welche die etwa 500.000 aktiven Teilnehmer in Deutschland als Multiplikatoren wirken können.

Kein Medium kann mit dem Internet mithalten, wenn es um die schnelle, unabhängige und vielfältige Verbreitung von Informationen geht. Es kann aber als Weg zum Ziel nicht reichen, diejenigen zu aktivieren, welche dieses Medium ohnehin schon nutzen. Wer informiert ist, muss nicht informiert werden.

Es muss um die gehen, die im Moment nicht wütend vor Tastatur und Monitor sitzen. Es müssen die erreicht werden, die noch hinnehmen, was ihnen von Massenmedien vorgekaut wird, in denen kaum Entrüstung über den Gesetzesbeschluss zu spüren war, in denen er nicht einmal kritisch hinterfragt wurde. Ebenso diejenigen, die das Internet nach wie vor ausschließlich als Spielwiese und Selbstbedienungsladen wahrnehmen.

Die sind der schlafende Riese, den es zu wecken gilt – zu wecken, zu informieren und zu aktivieren.

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8 Comments

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  1. * Andreas Hecht (19.06.09, 13:56):

    Normalerweise kommentiere ich keine politischen Posts, da ich Politikverweigerer bin. Regt mich nur auf. Das hat sich Gestern schlagartig geändert und ich werde das erste Mal seit gefühlten 100 Jahren wieder wählen gehen. Diesem ganzen Treiben muß Einhalt geboten werden, – also in diesem Sinne – danke für den Post.

  2. * YellowLed (19.06.09, 14:05):

    Repolitisierungscounter: +1 ;)

    Mir geht es ganz ähnlich — ich fand lange, dieses Blog sei keine Plattform für politische Beiträge. Vielleicht auch, weil ich der Meinung war, es würde nichts bewirken. Ob sich das nun zu einem dauerhaften Wandel entwickelt, kann ich noch gar nicht sagen, aber es wird definitiv mehr “Meinungscontent” fernab der sonst hier üblichen Themen geben.

  3. * Ormus (19.06.09, 14:10):

    Es schreiben sich halt lieber 50.000 Leute in einer ‘Party auf Sylt’ Gruppe ein oder ‘machen Deutschland rot’. Prioritäten der Netzkonsumenten sind anders als unsere. Deswegen denke ich es ist wichtig, die sozialen Netzwerke zu erreichen und in die politische Meinungsbildung einzubinden. Und das haben bisher die Netzaktivisten verpasst!

  4. * Dirk Deimeke (19.06.09, 14:23):

    Bin absolut Deiner Meinung.

    Vielleicht gibt es auch eine Möglichkeit, die schlafende Masse ohne Internet zu informieren. 33% sind eine ganze Menge. Meine Eltern gehören dazu.

  5. * Grischa (19.06.09, 14:50):

    Beim Lesen des ersten Teils des Artikels dachte ich: Mit der Argumentation kannst Du aber auch sagen, dass Demonstrationen sinnlos sind.

    Aber es scheint Dir um den “Kanal” zu gehen. Und da gebe ich Dir dann völlig recht. Avatare in Twitter zu ändern spricht in der Tat die falschen an, ist aber meines Erachtens auch nur gemeint, um seinem Ärger ein wenig Luft zu verschaffen. Ich hoffe, dass nicht ernsthaft jemand denkt, damit etwas bewirken zu können..

  6. * YellowLed (19.06.09, 15:02):

    In der Tat geht es mir (auch) um den Kanal, aber eben auch darum, welche Zielgruppe man — über welchen Kanal auch immer — anspricht.

    Es bringt schlicht nichts, innerhalb einer nicht nur bereits hochpolitisierten sondern auch geschlossenen Gemeinschaft (wie eben der Netzbevölkerung) intern “im Kreis zu argumentieren”. Man muss den Kreis verlassen bzw. ausweiten. Das ist das, was René in seinem Artikel meinem Verständnis nach mit “Multiplikatoren” meint.

    Wenn heute 500 Menschen einmalig demonstrieren, ist das in der Tat einigermaßen sinnlos. Das ist nicht mehr als ein Ventil für den eigenen Ärger. Wenn sich daraus aber eine wachsende Gemeinschaft entwickelt … nun ja, wir wissen alle, wie die Montagsdemos funktioniert haben.

  7. * Grischa (19.06.09, 15:08):

    100% Agree.. Und irgendwer muss halt einfach anfangen zu demonstrieren (oder whatever).. Selbst wenn sich dann nur 500 Leute aufraffen..

  8. * YellowLed (19.06.09, 15:19):

    Völlig richtig. Dieser Punkt ist hier aber doch längst überschritten. Es haben sich 135.000 Leute “aufgerafft” — viel mehr hätte man meiner Einschätzung nach in der gebotenen Zeit auch nicht zur Zeichnung bringen können. Diese Zahl ist so schon beeindruckend (aber anscheinend nicht beeindruckend genug).

    Um das Aufraffen (und auch darum geht es mir letztlich) geht es hier schon lange nicht mehr. Jetzt geht es um die “Ausweitung der Kampfzone” ;)

  9. * Klaus (20.06.09, 20:25):

    Ich war heute in Karlsruhe bei der Mahnwache. Da waren die unterschiedlichsten Leute von Piratenpartei, AK Zensur, SPD bis hin zu ein paar an den T-Shirts (“Waffen töten keine Menschen. Computerspiele schon”) zu erkennenden Gamern. Und in der Hauptsache ganz “normale” Netzbenutzer, die keiner dieser Gruppierungen angehören (zumindest noch nicht).

    Es war aber nicht so, dass alle nur mit Kerzen dasaßen, sondern da wurden Infoblätter verteilt und es wurde zum Teil lebhaft mit Passanten diskutiert und versucht, die Leute zu informieren.

    Ich fand, das war eine sinnvolle Aktion. Natürlich weiß man nicht, was oder wieviel das bewirkt. Aber irgendwie muss man ja anfangen. Besser als wütende Twitter-Meldungen ist es allemal ;-)

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